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Sieben Forderungen zum Tag der Bildung 2020

Unsere Stimme zur Corona-Stimmung

Die Diskussion um Schule und Bildung wurde im Jahr 2020 vor allem von Corona bestimmt. Geprägt davon waren auch zahlreiche Umfragen, die in ihrer Methodik und Auswertung Schülerinnen und Schüler jedoch lediglich zu Studienobjekten machten und ihnen so nicht das Gefühl gaben, dass sie wirklich gehört werden. Daher entwarf der Stifterverband gemeinsam mit einer Gruppe von fünf Schülerinnen und Schülern, den "Jugendexperten", in mehreren Workshops eine Umfrage, die am Puls der Jugendlichen liegen sollte und die für sie relevante Fragen stellte.

Unter dem Titel "Deine Stimme zur Corona-Stimmung" sollte so dem Erleben der Schülerinnen und Schülern in Zeiten von Home-Schooling und Social Distancing auf die Spur gekommen werden. Die nicht repräsentative Umfrage wurde im Juli von rund 2700 Jugendlichen beantwortet und anschließend gemeinsam mit den Jugendexperten ausgewertet.
Die Ergebnisse der Jugendumfrage (PDF)

Basierend auf diesen Ergebnissen bereiteten die Jugend-Experten eine Tagung vor, in der im November 2020 rund 60 Schülerinnen und Schüler online zusammenkamen, die zuvor an der Umfrage teilgenommen hatten. Die Tagung gab ihnen die Möglichkeit, vor dem Hintergrund der Studienergebnisse und persönlicher Erfahrungen Forderungen an die Politik und Gesellschaft zu entwickeln. Der Tag der Bildung am 8. Dezember 2020 bietet nun den Raum, dass diese Forderungen auch gehört werden können. Denn Schülerinnen und Schüler sind nicht nur Bildungskonsumenten, sondern möchten und können ihre Bildung mitgestalten – wenn man sie denn lässt.

Den jungen Menschen auf diese Weise eine Stimme zu geben, ist uns ein wichtiges Anliegen. Denn gerade in diesen Zeiten sollten wir weniger über, sondern mit den Schülerinnen und Schülern sprechen und sie vor allem hören.

Dr. Volker Meyer-Guckel

stellv. Generalsekretär des Stifterverbandes

 
Die Meinung der Jugend in Deutschland wird in vielen gesellschaftlichen und politischen Debatten außer Acht gelassen. Über die jungen Menschen wird zwar geredet, mit ihnen jedoch zu selten. Auch in Zeiten der Corona-Krise werden die Ansichten der Schülerinnen und Schüler nicht so stark berücksichtigt wie die der Eltern und Lehrer.

Doch sich nur zu beschweren, löst keine Probleme. Man muss aktiv Verbesserungsvorschläge einbringen, um sich Gehör zu verschaffen. Aus diesem Grund haben sich auf Einladung des Stifterverbands Jugendliche aus ganz Deutschland im Rahmen einer digitalen (Corona-)Jugend-Tagung mit den Themen Bildung, Partizipation, Medien, Verantwortung und persönlichem Wohlbefinden auseinandergesetzt. Gemeinsam haben sie die folgenden sieben Forderungen formuliert, "weil auch auf uns gehört werden muss und wir auch gehört werden wollen!"

 

Die sieben Forderungen

1. Wir fordern, dass das Thema Mental Health in Schule und Gesellschaft eine wichtigere Rolle spielt.

Aktuell fühlen wir uns mit unseren persönlichen Sorgen und Ängsten allein gelassen und haben das Gefühl, dafür keine Ansprechperson zu haben.

Deshalb fordern wir den Einsatz professioneller Expertinnen und Experten, beispielsweise der Sozialpädagogik, die für uns einfach und schnell ansprechbar sind, aktiv auf uns zugehen und uns unterstützen, das Thema in den Schulalltag zu integrieren und sichtbar zu machen. Wichtig ist, dass es sich um qualifizierte Personen handelt, die zwar an den Schulen aktiv sind, aber nicht gleichzeitig unterrichten. Es soll hier eine klare Rollentrennung zwischen (notengebenden) Lehrkräften und Beraterinnen und Beratern bestehen. An den Schulen und auch darüber hinaus soll Aufklärung zum Thema Mental Health zum Beispiel durch Erfahrungsberichte, Seminare und Diskussionen zum Thema erfolgen.

 

2. Es ist wichtig und okay, nach Hilfe zu fragen: Wir fordern eine gesellschaftliche Kultur, in der dies selbstverständlich ist.

Zum jetzigen Zeitpunkt wird die Suche nach Hilfe als Schwäche wahrgenommen und stigmatisiert. Wir erwarten von der Politik Unterstützung bei der gesellschaftlichen Etablierung dieser Kultur. Hilferufe müssen auf allen Ebenen ernst genommen werden.

Wir fordern einen Ausbau von schulbezogenen Unterstützungsangeboten und Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern. Wir fordern mehr gegenseitige Unterstützung und Zusammenarbeit anstelle von Konkurrenz in Gesellschaft und Schule. Die Politik fordern wir auf, dieses wichtige Anliegen aktiv mit einer groß angelegten Kampagne zu unterstützen.

 

3. Wir fordern, dass die Schulen und der Unterricht flexibel an die Diversität der Schülerinnen und Schüler angepasst werden.

Die Corona-Krise hat insbesondere die finanziellen, sozialen und persönlichen Unterschiede der Schülerinnen und Schüler aufgedeckt und verstärkt. Manche kommen mit deutlich größeren Schwierigkeiten durch diese Krise als andere. Viele befürchten langfristige Nachteile; diese Angst darf nicht bestätigt werden.

Schülerinnen und Schülern, die beispielsweise aufgrund eigener oder familiärer gesundheitlicher Umstände nicht am Präsenzunterricht teilnehmen können, muss trotzdem der Zugang zum Unterricht ermöglicht werden. Dies kann beispielsweise durch eine finanzielle Unterstützung bei der Anschaffung digitaler Endgeräte geleistet werden. Zudem sollte es möglich sein, eine Freistellung von bestimmten Unterrichtssituationen wie dem Sportunterricht zu erhalten, wenn man selbst oder Familienmitglieder aufgrund des Infektionsgeschehens besonders gefährdet sind.

 

4. Wir fordern die stufenweise Umsetzung einer Digitalisierungsstrategie, die im Ergebnis einen reibungslosen, ebenso informativen wie wertvollen Unterricht im Homeschooling ermöglicht.

Unabhängig von Bundesland und Schulform ist es vielen Schülerinnen und Schülern aktuell nicht möglich, ihre Lehrerinnen und Lehrer außerhalb des Präsenzunterrichtes zu erreichen. In Zeiten regelmäßigen Homeschoolings ist eine solche Erreichbarkeit allerdings unabdingbar. Wir halten fehlendes technisches Equipment und Know-how für die häufigsten Ursachen dieses problematischen Zustandes.

Um die aktuellen Voraussetzungen der Schulen zu berücksichtigen, müssen aufeinander aufbauende Stufen des Digitalisierungsprozesses für jede Schule und jedes Kollegium definiert werden. Wir haben anhand unserer Erfahrungen mit dem Frühjahrs-Lockdown Prioritäten aufgestellt, um einen möglichst effektiven Distanzunterricht gewährleisten zu können.

Die nacheinander zu erreichenden Stadien lauten wie folgt:

  1. Digitale Erreichbarkeit – beispielsweise per E-Mail – muss für alle Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte zentralisiert ermöglicht werden. Jede und jeder muss werktags und von zuhause aus auf diese Kommunikationswege zugreifen können. Lehrkräfte müssen für die Relevanz digitaler Medien sensibilisiert werden, denn diese stellen für uns Schülerinnen und Schüler nicht mehr lediglich eine Option, sondern eine absolute Notwendigkeit dar. Digitale Kompetenz ist zwingend erforderlich, um in der heutigen Lebensrealität zu bestehen.
  2. Die digitale Erreichbarkeit muss auf die Möglichkeit, Videokonferenzen durchzuführen, ausgeweitet werden. Dafür muss jeder Kurs in der Lage sein, eine solche Konferenz durchzuführen. Auch die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler können hierfür genutzt werden.
  3. Lehrkräfte sollten verpflichtend an Fortbildungen bzw. Weiterbildungen zu den Themen "Gestaltung von Online-Unterricht" und "Digitalisierung" teilnehmen, um guten Fernunterricht zu gewährleisten.
  4. Die Softskills "Eigenverantwortung" und "Selbstorganisation" der Schülerinnen und Schüler müssen gefördert werden. Kurzfristig kann das durch Online-Angebote wie Lernvideos, Webseiten etc. geschehen. Mittelfristig sollten diese Eigenschaften auch über die Corona-Krise hinaus in den Lehrplan integriert werden.

 

5. Wir fordern, den Umgang mit Medien stärker im Lehrplan zu verankern.

Der Fokus sollte dabei auf der Erkennung seriöser Inhalte und deren Abgrenzung von unsachlichen Texten sowie von Verschwörungstheorien liegen. Besonders in der aktuellen Situation, aber auch in der Zukunft ist es wichtig, Texte und Aussagen richtig verstehen und kritisch einordnen zu können.

Ein möglicher Ansatz, um Quellenbewertung zu trainieren und die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens zu erproben, wäre die GFS (gleichwertige Feststellung von Schülerleistung) nach dem Beispiel Baden-Württembergs. Dabei handelt es sich um eine von jedem Schüler ab der Mittelstufe jährlich abzulegende Leistung, die in ihrer Form frei ist. Je nach Schule und Fach kann dies beispielsweise die Durchführung eines naturwissenschaftlichen Projektes, die dokumentierte Teilnahme an Wettbewerben oder das Verfassen einer längeren Hausarbeit mit anschließender Präsentation sein. Pädagogisches Ziel der GFS ist es, die Medienkompetenz sowie das selbständige Arbeiten der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Außerdem ist es sinnvoll, den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess durch die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Texten und Methoden verständlich und durch Kombination mit Zeitungsartikeln oder Ähnlichem für den Alltag relevant zu machen.

 

6. Wir fordern eine transparente und adressatengerechte Kommunikation mit uns Jugendlichen.

Da die Schulen unsere ersten Ansprechpartner sind, braucht es eine Stärkung der (faktenbasierten) Kommunikation zwischen politischen Institutionen und Schulen. Elemente einer solchen Verbesserung könnten sein:

  • Rückmeldung der Schulen an die Politik im Rahmen anonymisierter Umfragen, damit unsere Vorstellungen von Schule und Bildung direkter berücksichtigt werden.
  • Verständliche Aufklärung der Schülerinnen und Schüler über die Gründe neuer Maßnahmen und deren Zielsetzung, um eine breitere Akzeptanz zu erreichen.

Wir fordern eine solche Kommunikation generell und nicht nur bezogen auf die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie.

 

7. Wir fordern politische Teilhabe bereits im jungen Alter in allen Regionen Deutschlands durch ...

  1. eine Senkung des allgemeinen Wahlalters auf 16 Jahre, verbunden mit stärkerer Aufklärung in Bezug auf Politik und politische Partizipation. Möglichkeiten zur politischen Partizipation sollen vermehrt aufgezeigt und leichter zugänglich gemacht werden.
  2. eine Stärkung der politischen Bildung durch Integration folgender Themen in die Lehrpläne:
    ●  Debattierregeln, verbunden mit Teilnahme an Wettbewerben wie "Jugend debattiert"
    ●  früheren Fokus in der Schule auf aktuelle, politische und gesellschaftliche Themen und Politik im Allgemeinen
    ●  Ergänzung des Lehrplans: Zeit nach 1945 in einem Pflichtfach politisch analysieren
  3. Ermöglichung und Förderung politischer Teilhabe in allen, auch ländlichen Regionen mit Onlineformaten.
    Dazu braucht es...
    ●  regelmäßige politische Veranstaltungen für und mit jungen Menschen im digitalen Raum
    ●  eine bessere digitale Infrastruktur (besonders in Bildungseinrichtungen und in ländlichen Regionen)
    ●  Informationsbereitstellung und Weiterbildungen zur Durchführung digitaler Konferenzen und Veranstaltungen (zum Beispiel Zoom, MS Teams, etc.)
    ●  Ausbau bundesweiter Netzwerke für Engagierte zur leichteren Informationsbeschaffung und auch zum länderübergreifenden Austausch